Österreich
High Fidelity: Pro-Ject, ein Weltmarktführer aus Österreich
Vinyl-Schallplatten erleben ein überraschendes Revival und Plattenspieler feiern eine Renaissance. Der Wiener Unternehmer Heinz Lichtenegger mischt bei dem Comeback fleißig mit. Er ist mit der Marke Pro-Ject Weltmarktführer unter den Plattenspieler-Herstellern.

31.08.2011 | 20:19
Wien. Plattenspieler? Gibt es die überhaupt noch? Die Antwort auf diese Frage ist ja, und der Wiener Unternehmer Heinz Lichtenegger ist maßgeblich daran beteiligt, dass dem so ist.
In einem Haus in der Wiener Margaretenstraße befindet sich die Zentrale von Lichteneggers Unternehmen, das Musikliebhabern in aller Welt ein Begriff ist: Pro-Ject Audio. Dass das Haus dennoch so unscheinbar ist, dass man glatt daran vorbei gehen würde, stört den 50-Jährigen, der schon seit gut dreißig Jahren mit HiFi-Komponenten handelt, nicht. Ihm geht es um den Musikgenuss, und dafür braucht man keine noble Adresse.
Die ersten HiFi-Anlagen hat Lichtenegger noch von der Tankstelle seiner Mutter in Zistersdorf aus an seine Freunde und Bekannten verkauft. Später, Mitte der 80er Jahre, hat er seine Wiener Zwei-Zimmer-Wohnung, mit Klo am Gang zu einem Verkaufsstudio umfunktioniert, das bald ein beliebter Treffpunkt für HiFi-Connoisseure wurde. Er verkaufte kleine Anlagen, bestehend aus einem Plattenspieler, einem Verstärker und zwei Lautsprechern um rund 10.000 Schilling - rund 700 Euro - und verdiente sich damit das Startkapital für die Zukunft.
Analoge Welt
Seine Geschäftstüchtigkeit hat sich bezahlt gemacht. Drei Jahrzehnte später ist Lichtenegger eine fixe Größe im Musikgeschäft. Der von ihm geführte Audio Tuning Vertrieb ist Österreichs größter Distributor von HiFi-Komponenten und mit Pro-Ject Audio Systems ist er Weltmarktführer unter den Plattenspieler-Herstellern. Heute trägt jeder vierte weltweit verkaufte Plattenteller das Pro-Ject Logo und das Unternehmen verkauft jährlich rund 50.000 Geräte in mehr als 70 Länder, darunter auch in so exotische Staaten wie die USA, Japan und Australien, China, Südafrika oder Brasilien.
Die Produkte des Österreichers werden von den einschlägigen Fachmedien mit Auszeichnungen überhäuft unter Analog-HiFi-Liebhabern gilt der gebürtige Waldviertler gar als einer der Retter des guten Klanges. Dabei ist er eher durch Zufall zum Plattenspieler-Hersteller geworden. Und Schuld daran ist die CD, deren Siegeszug Ende der 1980er Jahre nicht mehr aufzuhalten war. Viele davor große Hersteller wie Thorens oder Dual stellten ihre Produktion ein. Übrig blieb nur eine Hand voll Spezialisten, die teure High-End-Geräte zu für die meisten unerschwinglichen Preisen bauten.
„Mein Faible für das analoge Hören kommt davon, dass es immer die günstigste Möglichkeit zum High-End Musikhören war", sagt Lichtenegger, „Ende der 80er Jahre wurden Plattenspieler aber so teuer, dass ich keine Sets mehr um 1000 Euro verkaufen konnte und mich nach Alternativen umsehen musste."
Glückstreffer
Eine Zufallsbekanntschaft führte ihn nach Litovel, einem kleinen Ort bei Olmütz in Tschechien, wo in der Zeit des Kommunismus im staatlichen Tesla-Werk Verstärker, Plattenspieler, elektrotechnische Messgeräte, Mikrofone und Lautsprecher für den gesamten Comecon-Raum produziert worden waren.
1989 stand das Werk vor dem Aus und Lichtenegger plötzlich als Retter vor der Tür. Er kaufte um ein paar hundert Schilling zweihundert Stück eines alten, nicht mehr in Produktion befindlichen Plattenspielers auf, ließ die Geräte nach seinen Vorstellungen umbauen und hatte damit seine ersten Plattenspieler, der Pro-Ject 1, den er in Österreich um 2900 Schilling - rund 210 Euro - verkaufen konnte.
Wenige Wochen später wurde der spartanisch- minimalistische Plattenspieler von einem deutschen Fachmagazin zum Testsieger erkoren und plötzlich verkauften sich die 200 Geräte, die Lichtenegger umbauen lassen hatte, wie von selbst.
„Ich bin sofort wieder nach Tschechien gefahren, um alle Restbestände aufzukaufen, die nur irgendwie zu bekommen waren und um die Produktion in der Fabrik neu aufzubauen", berichtet Lichtenegger, dessen unternehmerisches Glück von diesem Moment an nicht mehr abreißen sollte. Die einzige Hürde, die er noch nehmen musste war die Tschechische Bürokratie, die es etwas schwierig machte, die ständig wachsende Nachfrage abzudecken. „Anfangs war schwieriger, an neue Geräte zu kommen als sie zu verkaufen", meint Lichtenegger, der aber wusste, mit dem Tesla-Werk die richtige Produktionsstätte gefunden zu haben und alles daran setzte, sie am Leben zu erhalten. „So ein Werk könnte man heute niemals aufbauen. Alleine der Maschinenpark ist unbezahlbar. Damit können wir alle Geräte von Grund auf selbst bauen", sagt er. 1996 gelang es ihm, die die dann bereits wieder gut funktionierenden Teile der Plattenspielerproduktion mit ihren 300 Mitarbeitern aus dem Tesla-Werk heraus zu kaufen, und damit war seine letzte Sorge dahin. Inzwischen gibt es sogar ein zweites Pro-Ject-Werk in Kosice, in dem elektronische Bauteile und Analog-Verstärker produziert werden.
Erfolg in der Nische
„Ein Plattenspieler ist im Prinzip ein sehr einfaches Ding, daran gibt es nicht viel neu zu erfinden", meint der Pro-Ject-Chef, der den ständigen, von der Elektronik getriebenen Rekordjagden in der Unterhaltungsindustrie eher kritisch gegenüber steht: „Es liegt anscheinend irgendwie in der Natur der Sache, dass sich die Menschen immer wieder in Zahlen und Messdaten verzetteln, dabei aber vergessen, dass es eigentlich nur um die persönliche Begeisterung geht." Schließlich gäbe es weder ein richtiges Bild noch einen hundert Prozent richtigen Ton, wie er mit der CD oder Super Audio CD versprochen werde. Eine Trompete klinge im Konzerthaus anders als im Jazzkeller und in der ersten Reihe Mitte wieder ganz anders als links hinten.
Und der Österreicher hatte Glück, dass seine ersten Geräte just zu dem Zeitpunkt in den Handel kamen, als die ehemals großen Hersteller wie Thorens, Dual oder Rega nach Jahren der schwindenden Verkaufszahlen aufgegeben hatten und Elektronik-Konzerne wie Philips oder Sony mit elektronisch gesteuerten Plattenspielern experimentierten, die von den analog-Liebhabern verschmäht wurden. Die puristischen, auf das Wesentliche reduzierten Pro-Ject-Plattenspieler waren jahrelang fast konkurrenzlos.
Comeback
Anfangs wurde Lichtenegger in der Branche dennoch eher als Spinner belächelt. Die Musikindustrie hatte eben den Tod der Schallplatte erklärt und beschlossen, nur noch auf die CD zu setzen, als der Österreicher plötzlich mit seinen, in einem alten kommunistischen Werk jeglichen elektronischen Schnickschnack produzierten Plattenspielern auftrat.
Inzwischen hat sich das Blatt jedoch gründlich gewendet. Schallplatten liegen wieder im Trend und Spezialisten haben sich darauf verlegt, viele lange Zeit verschollene Schätze der Musikgeschichte in prächtigen Vinyl-Versionen neu zu veröffentlichen.
Der Analog- Freak Lichtenegger hatte ohnehin nie Zweifel daran und das Project-Sortiment gründlich ausgebaut. Vom Einsteiger-Modell, dem in verschiedenen Farben um 199 Euro erhältlichen Debut kann er bis zum 6000 Euro-Referenzmodell für jeden Geschmack und Zweck das passende Gerät anbieten.
Und weltweit schwärmen Audiophile von den Produkten. Das ist spätestens so seit der Pro-Ject RPM 9.1 im Jahr 2006 als erster Plattenspieler der Geschichte mit dem in der Audiobranche begehrten EISA-Award der der European Imaging and Sound Association ausgezeichnet wurde.
Doch Lichtenegger ist nicht stehen geblieben. Seit 2005 hat er zusätzlich zu den Plattenspielern eine Reihe von Mini-HiFi-Komponenten in den Handel gebracht, deren Klang auch eingefleischte Soundpuristen staunen lässt. Dazu bietet er der zeit entsprechend jetzt auch Plattenspieler mit USB-Anschluss und andere Gadgets an. „Man darf nicht stehen bleiben und muss die Trends der Zeit aufgreifen", sagt Lichtenegger. Schließlich seien inzwischen auch wieder rund 30 Mitbewerber am Markt. Selbst Dual und Thorens bauen inzwischen wieder Plattenspieler. Dem österreichischen Quereinsteiger werden sie den Rang als Marktführer aber wohl kaum mehr streitig machen können.
weitere Österreich-News